Wider die Objektivität der Technik!
Die manchmal doch recht blinde Technikgläubigkeit der Menschen geht mir oft auf die Nerven. Es ist ja nur ganz natürlich, an eine Objektivität der Technik zu glauben. Schließlich wird die Technik dazu eingesetzt, bei Untersuchungen gleich welcher Art genauere Ergebnisse zu erreichen. Doch betrachten wir als Beispiel einmal einen Voltmeter, der in einem Stromkreis angeschlossen ist, um die Spannung zu messen. Das Gerät zeigt die Voltzahl auf einem Digitaldisplay an (wenn es älter ist vielleicht auch mit einem Zeiger auf einem Ziffernblatt). Doch was sagt uns diese bloße Zahl? Genau: nichts. Erst druch die Interpretation wird die Zahl zu einer Voltzahl und sagt etwas über die Spannung im Stromkreis aus. Diese nötige Interpretation beim Messvorgang mag bei diesem Beispiel noch von geringer Bedeutung und ohne größere Gefahr verlaufen. Übertragbar auf alle Art von Technik ist dies jedoch nicht.
Schon mehrfach ist mir in der Schule im Philosophieunterricht aufgefallen, wie gern die Technik – und hier vor allem eine Kamera – als Instanz einer vom Menschen unabhängigen Objektivität angesehen wird. Machen wir uns einmal vereinfacht klar, was passiert, wenn eine Kamera (dabei ist es unerheblich, ob diese nun einen Film oder ein Foto “schießt”) ein Bild macht: über eine Linse oder ein System von Linsen wird das Licht gebündelt und schließlich auf ein Fotopapier (Fotochip, etc.) gebracht. Was wir erhalten ist also eine zweidimensionale Darstellung unserer von uns als dreidimensional wahrgenommenen Welt. In dieses Foto Objektivität hineinzuinterpretieren halte ich für gefährlich, da auf einem Foto noch viel mehr die Bearbeitung des Wahrgenommenen durch das Gehirn in Anspruch genommen wird als beim Wahrnehmen unseres “normalen” Raumes: das Gehirn muss das zweidimensionale Foto interpretieren, muss es für uns umformen, so dass wir überhaupt erst zu der Meinung kommen können, dass dieses Foto einen Teil unserer Welt abbildet. Hier wird also sozusagen doppelt interpretiert.
Es muss also – meiner Meinung nach – erst gut überlegt werden, bevor ein Foto – oder auch sonstige Ergebnisse einer Interpretation eines Teils der Welt durch Technik – als objektiv oder gar als ein Beweis für etwas erklärt wird.
marcus!
interesse!
deine ansichten sind gefragt:
kann der mensch überhaupt eine objektive aussage über eine (objektive) sache machen? und: ist er dazu in der lage ein gerät zu entwickeln, dass eine sache (objektiv) zu dokumentieren und objektiv darzustellen vermag (photo, schallplatte, etc.)? dann wiederum: kann der mensch diese sache, information, dokumentation auch objektiv wahrnehmen und bewerten?
richtig gefragt?
…hm. jetz wirds mir zu objektiv.
wieder so ein schwieriges wort: objektiv. fast wie: real.
da stößt meine sprache schon an den tellerrand.
holterdipolter!
nochwas, ich schrieb:
“kann der mensch überhaupt eine objektive aussage über eine (objektive) sache machen?”
ich glaube diese “(objektive) sache” kann man auch ein “ding an sich” nennen.
hallo!
seit ich deinen blog das erste mal gelesen hab stellen sich mir dauernd wunderbare fragen, mit denen ich viel zeit verbringene. deshalb bin ich auch so oft hier, und jetzt wieder.
und eben fiel mir auf, dass du die fragen, die mir heut morgen durch den kopf schwirrten, eigentlich schon beantwortet hast und dass ich ständig über meine denkfehler stolpere.
der mensch kann natürlich keine aussage über ein ding an sich oder “die” realität machen.
aber wie kommts, dass die aussage “der stein wiegt 100 gramm” als objektiv, und von aller welt als real betrachtet werden kann?
das gewicht des steins ist auch vorhanden, ohne dass es gemessen wird.
was beim prozess des wiegens geschieht, ist das interpretieren von daten, erhoben durch technik, in diesem fall eine waage.
dieses system funktioniert so gut, dass es sich überall auf der welt großer beliebtheit freut.
die aussage, eine verwendung dieses system läßt objektive schlüsse zu, beruht also darauf, dass es innerhalb dessen, was der mensch erkennen und beurteilen kann, beängstigend perfekt funktioniert.
nun kommt paul watzlawick mit seinem schiff ins spiel: das erheben von daten bezüglich des gewichts eines steins mit einer waage ist ne prima option innerhalb der möglichkeiten des menschlichen erkennen und verstehns und so, aber: ein wissen darüber, ob es bessere möglichkeiten außerhalb des tellerrands der menschlichen wahrnehmung gibt bliebt uns aufgrund mangelnder kapazitäten verwehrt.
voll beschränkt!
und doch von graziöser schönheit -aber auch ein bischen angsteinflößend- welch komlpexe systeme sich der mensch erdenkt um beweise anzustellen.
ich würde demnach -und vor allem nach deinem artikel “wider die objektivität der technik”- sogar behaupten die stärke von visuell darstellenden verfahren liegt darin das subjektive erleben der realität eines eintellnen einem betrachter zugänglich zu machen. um nur wenige gemeinsamkeiten zu nennen: genauso wie der maler seine farben mischt und den pinsel führt stellt der photograph linse und blende ein…
einen objektiven, beweisbaren sachverhalt mit hilfe solcher techniken, gar kunst, erbringen zu wollen erscheint auch mir schwierig und zweifelhaft.
langsam trägt die grübelei früchte -und, um nicht überheblich dazustehen: mir wird bewusst, dass ich schon ein bischen weniger weiß.
boing!
Olli!
Deinen ersten Eintrag hast Du mit deinem letzten ja quasi schon selbst beantwortet.
Deshalb zu diesem letzten:
Die Aussage “der Stein wiegt 100 Gramm” kann innerhalb des menschlichen Bezugssystems als ‘real’ erachtet werden, weil die Einheit Gramm als ‘objektive’ Größe gilt, die anhand irgendeines Referenzmittels festgelegt wurde. Nun ist es aber so, dass selbst diese Festlegung nicht überall gleich gilt. Hast Du schon Probleme damit, wenn Du den Stein einmal auf Meeresniveau und dann auf einem 4000er in den Alpen oder so wiegst (Du wirst abweichende Grammzahlen erhalten), wirst Du erst recht Probleme auf dem Mond oder gar in der Schwerelosigkeit haben. Also auch hier fehlt selbst auf der Erde die Objektivität der Maßeinheit Gramm. Und zwar doppelt: weil sie einmal nicht überall gleich ist und zweitens auch wieder nur eine festgelegte Maßeinheit ist, die über den Stein nichts aussagt, sondern nur eine Aussage macht, die unter Menschen gilt. Über eine außerhalb der menschlichen Erfahrung liegenden Eigenschaft des Steins sagt sie nichts aus. Das Gewicht des Steins ist (vielleicht) vorhanden, spielt allerdings auch keine Rolle, wenn kein Mensch da ist, der ihn in der Hand hält oder wiegt…
Und Du hast recht: durch Messen und Darstellen und was es sonst noch alles gibt, wird für die Menschheit eine “Scheinobjektivität”, eine Realität erschaffen, die gut funktioniert und die die Menschen untereinander dazu befähigen, sich über ‘ihre’ Welt zu unterhalten…
m.!
…au ja! das “referenzmittel” ist auch n recht interessanter denkanstoß! wie isn das mit der “zeit”? die vergeht ja auch überall in unterschiedlicher, öhm, “zeit”, nicht? …da mach ich mich mal schlau… gott im himmel, das wirft mich um!
Genau, nach der Relativitätstheorie (nach der ja Zeit nicht unabhängig von Raum existiert) vergeht Zeit auch unterschiedlich schnell, je nachdem, wo man sich befindet. Wie schnell die Zeit für das jeweilige Subjekt vergeht, hängt mit der Geschwindigkeit zusammen, mit der sich das Subjekt durch den Raum bewegt.
Die Zeit ist ja überhaupt eine sehr interessante Sache – vor allem im Bereich des Konstruktivismus. So ist eine Uhr ein System, das nicht die Zeit, sondern sich selbst misst. Nimm die Atomuhr: es ist festgelegt, wie viele Wechsel des Energiezustandes eines Atoms (zum Beispiel ein Cäsium-Atom) eine Sekunde ergeben. Eine Atomuhr misst sich, also den Zustand ihrer Atome also selbst und nur der Mensch interpretiert daraus die Zeit in Sekunden.
Ebenso sieht es bei einer analogen Uhr aus: die Feder gibt den Takt an und somit ist es auch wieder die Uhr, die sich selbst misst und dem Menschen so die Sekunden liefert.
Diese recht willkürliche Festlegung zeigt auch die Notwendigkeit einer ‘Schaltsekunde’ alle paar Jahre. Diese ist nötig, weil die Erde nicht immer gleich rotiert und somit manchmal korrigiert werden muss.
marcus!
dazu (wenn spiegel=technik): interessant die abbilder, die einem spiegel zu liefern vermögen!
das spiegelbild des eigenen gesichtes, z.B., wird immer halb so groß wie die entsprechende vorlage abgebildet -unabhängig von der entfernung. eine sich in unterschiedlicher entfernung befindende person jedoch, die dabei zusieht, wie erstere sich dem spiegel nähert und wieder von ihm entfernt, kann beobachten, dass sich die größe des abgebildeten gesichts der ersten person mit deren bewegung verändert.
viel spaß beim ausprobieren, grübeln, ausflippen, nun.
o.