Der unverstandene Geldautomat
Gerade komme ich vom Einkaufen aus den Köln Arcaden und denke bei einer Tasse Kaffee und einem Stück zweitklassiger Donauwelle (nachdem ich vor einigen Tagen bei einem anderen Bäcker ein mindestens drittklassiges Stück einer solchen dem unzufriedenen Gaumen zuführen musste – wo kriegt man eigentlich gute Donauwelle?) über die beiden Geldautomaten nach, die in den Arcaden im obersten Stockwerk nebeneinander angebracht sind.
Einer der beiden, der linke, ist ein gewöhnlicher Geldautomat, den man allein schon an der Form eindeutig als solchen erkennt. Daneben hängt ein etwas anderer, klobigerer Automat, über dem in großer Schrift geschrieben steht: Ein- und Auszahlungen. Ein- und Auszahlungen! Dennoch ist fast immer, wenn ich dort Geld abheben will, folgendes Phänomen zu beobachten: in den Köln Arcaden herrscht reges Treiben, Menschen wuseln herum und wie es nun mal so ist, brauchen sie irgendwann Geld. Schlangen, die sich an den beiden Automaten bilden sollten, sind also keine Seltenheit. Nur dass sich diese Schlange meist nur hinter dem konventionellen Geldautomaten bildet, während der Weg zum anderen, ominöseren Automaten frei bleibt.
Nun frage ich mich: Was ist es, das die Menschen dazu treibt, sich an der langen Schlange anzustellen und nicht den anderen Automaten wenigstens einmal auszuprobieren oder seine Beschriftung zu lesen? Reihen sie sich in die Schlange ein, weil sie es so gelernt haben? Weil sie meinen zu wissen, dass es am Ende der Schlange das gibt, was sie suchen? Oder ist ihnen der Automat derart suspekt, dass sie gar nicht einmal daran denken, dort auch Geld bekommen zu können?
Und woher bitte bekomme ich gute Donauwelle?
Hallo Marcus,
ne gute Donauwelle bekommst Du, wenn Du nach Franken kommst. :-))
liebe Grüße
Margarete
als wenn das alles nicht schon erstaunlich genug wäre: wenn man die menschen dann darauf aufmerksam macht, dass der zweite automat auch ganz normal geld ausspuckt und sie fragt, ob sie ihn denn nicht benutzen möchten (natürlich nachdem man sich selbst bereits mit überlegenem gesichtsausdruck erfolgreich bedient hat), bleiben sie trotzdem lieber in der schlange stehen und murmeln als reaktion sowas wie “mmmh, nee schon ok”. DAS finde ich noch viel mysteriöser.
interessant ist das alles vor allem auch unter dem gesichtspunkt, dass es sehr oft ein gegenteiliges phänomen zu beobachten gibt: leute, die den offensichtlich defekten automaten doch lieber nochmal selbst ausprobieren möchten oder sich sicherer fühlen, wenn sie im aufzug oder in der bahn die knöpfe, die wenige sekunden vor ihnen jemand gedrückt hat, noch ein weiteres mal betätigen.
da stellt sich doch die frage, welche situationskontexte jeweils unangemessenes vertrauen bzw. unangemessenes misstrauen in bezug auf die sinnhaftigkeit des verhaltens beliebiger dahergelaufener mitmenschen auslöst, und welche faktoren hier wirksam sind.
ich glaube, wenn mir das das nächste mal passiert, werde ich die leute wirklich mit nachdruck drauf ansprechen und eine erklärung verlangen. vielleicht bringt uns das des rätsels lösung ein wenig näher.
Zu unangemessenem Ver- oder Misstrauen kannst Du auch meinen Artikel über die Nanotechnologie lesen, da gehts genau um das.
Aber interessant ist das allemal, das stimmt!
Und ja, spreche die Leute mal drauf an. Vielleicht löst Du das Rätsel, vielleicht erklären sie dich für ein wenig verrückt. :)
hast du lust, mitzumachen? das ganze mal länger zu beobachten und dann befragungen durchzuführen? wir könnten das ja auch anonym machen, mit fragebögen.
interessant wäre es herauszufinden wie sich diejenigen verhalten, die mit den funktionen des unverstandenen automaten vertraut sind. ob da wohl einige dabei sind die immer diesen benutzen, auch wenn die schlange an ihm länger ist als am “einfachen” gerät? glaube fast nicht an ein gemeinsames motiv: “ich will die kohle schnellstmöglich, egal wie” …aber da ernsthafte beobachtungen anzustellen ist besimmt mühsam… könnt mir vorstellen das viele befragte außer einen schweißtropfen auf der stirn oder ein teifbrünstiges “öhh” nix rausbringen. voll erwischt, das gewohnheitstier. vielleicht.
ahoi!
gestern hab ich vorm schlafengehen an den unverstandenen geldautomaten gedacht und an den kommentar von judith hier.
dabei hab ich meinen wecker gestellt, musste bald raus. das lief so ab wie meistens. ich stellte die weckzeit auf fünf uhr und ging zähne putzen. danach schaute ich auf den wecker, sicherheitshalber. ich zog meine hose aus und hängte sie über die tür. dabei streifte mein blick den wecker, nochmal. als ich paar minuten später im bett lag dachte ich noch mal kurz, aber intensiv, an den wecker. ich entschied mich aber dazu, dass es jetz schon zu gemütlich sei, um mich nochmal der luft außerhalb der bettdecke auszusetzen. zum glück. manchmal dauerts nämlich länger, mit dem wecker. mit dem wecker?
nicht erst seit jetzt gilt es zu ergründen aus welcher kombination von faktoren sich dieses zum “geldautomatenphänomen” gegenteilige missvertrauen, wie judith sagt, bei mir ergibt.
schließlich bin ich kein uhrenmacher und wenn die technik versagt, dann ist das nicht meine schuld. an einem wecker fallen ja zudem nicht so viele wartungsarbeiten oder so an. genausowenig hab ich einfluss auf den zeitpunkt eines womöglichen defekts. würde ich kontinuierlich kontrollieren, ob der wecker auch tatsächlich nicht kaputt geht, während ich eigentlich schlafen sollte, dann würde ich ja gar nicht schlafen und der wecker wär überflüssig.
als grund für meine zwanghafte verhaltensweise ein misstrauen in die technik aufzuführen ergibt also für mich keinen sinn.
eine ursache müsste demnach unmittelbar bei mir selbst liegen: “ich darf nicht verschlafen.” hab ich nämlich schon oft, und für jedes weitere mal hätte ich unangenehme konsequenzen zu befürchten, die ich natürlich meiden möchte. das zwanghafte kontrollieren des weckers ist also ausdruck meiner angst nicht rechtzeitig aufzuwachen, in hohem maße geschürt von den bitteren regularien der arbeitswelt. weniger in kombination mit dem umstand des mehrmaligen vorherigen verschlafens an sich, sondern mehr von der art und weise wie ich diese erlebnisse wahrgenommen und beurteilt habe.
meist ging diesen umständen ein lebhafter abend voraus, aus dem zahlreiche gründe für zu langen schlaf resultieren. verblickt ist man oft, wenn der tag lang ist. hier eine auswahl:
entweder ich bin direkt eingeschlafen, irgendwo. da fällt der wecker natürlich von vornherein raus.
oder ich ich hab ihn gestellt, aber auf die falsche zeit.
oder ich habe nur gedacht, ich hätte ihn gestellt, wenn ich etwas neben mir stand.
letzterer fehltritt ist dann wohl der, dem ich die meiste bedeutung zuschreibe.
….
wie dem auch sei, es wird ja schon recht klar:
misstrauen in die technik, pah.
da gilts erstmal ein etwas eigenartiges vertrauensverhältnis zu der zuverlässigkeit meiner eigenen handlungen, somit zu mir selbst, zu bewältigen.
die frage danach, was menschen dazu treibt sich an der langen schlange anzustellen und den unverstandenen automaten nicht einmal auszuprobieren könnte mal also so beatnworten:
maschinen haben keine angst vor bedienungsfehlern, menschen schon.
aha, aha.
:)
Ja, die Angst vor Maschinen ist eine wirklich sehr weit verbreitete Sache. Ganz schlimm ists ja bei Computern: manchmal ist es schon lustig, wie zaghaft manche Menschen an Rechnern sitzen und fast schon vorsichtig die Tasten und die Maus berühren. Und zwar aus Angst, etwas kaputt zu machen – entweder die Maschine, oder das Ergebnis, das sie von der Maschine erwarten.
Es ist wohl ganz einfach die Angst vor etwas, das man nicht versteht und von dem man eine Art von Selbsterklärlichkeit einfach nicht erwartet.
Vielleicht schwingt auch die Angst mit, sich an einer unbekannten Maschine vor anderen Leute aus mangelnder Routine irgendwie blöd verhält. Man möchte ja immer einen gewissen souveränen Eindruck von sich vermitteln, der sehr schnell flöten geht, wenn man mit unsicher schweifendem Blick und zaghaften Berührungen eine Maschine bedient… :)
Die Geschichte mit dem Wecker – vornehmlich deine Beschreibung dieser – hat mich sehr zum Lachen gebracht. :)
Danke. :)