Der freie Wille

Aktuell gibt es ja wieder neue Ergebnisse in der Erforschung des freien Willens, die im wesentlichen die Libet-Experimente bestätigen. Dazu habe ich gerade beim Abgrasen meiner Lieblingsblogs zwei sehr interessante Artikel entdeckt, die sich kritisch zu den Ergebnissen dieser Forschungen äußern.

Ich selbst stehe den Ergebnissen auch recht kritisch gegenüber. Vorschnelle Äußerungen wie es gebe keinen freien Willen halte ich für bedenklich. Ebenso wie die Versuche, menschliche Gefühle nur als hormonbasiert und auf neuronale Prozesse zu reduzieren. Schließlich könnte das, was im Gehirn gemessen und beobachtet wird, lediglich die körperliche Repräsentation des Gefühls, des Willens sein. Also sozusagen die Voraussetzung dafür, dass wir überhaupt etwas empfinden, während die Quelle des Gefühls oder Willens noch verborgen liegt. Für mich haben all solche Untersuchungen also eigentlich nichts mit einer Entmystifizierung oder bewiesenen Vermaterialisierung des Menschen zu tun.

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6 Kommentare:
Monika schrieb am 17.04.2008 um 09:01 Uhr:

Schön, dass Du dem Neurohype nicht “erliegst”. Mich erstaunt immer, wie “Wissenschaftler”, welche im Detail überhaupt nicht wissen, was und wie tatsächlich bei diesen Versuchen gemessen wird, regelrechte “Aufsätze” darüber schreiben können. Natürlich ohne dass auf die jeweiligen Forschungsergebnisse im Detail Bezug genommen wird.
So hätten die Autoren Deiner Verlinkungen gleich frei und undefiniert über den freien Willen referieren können. Das Ergebnis wäre dasselbe gewesen…

Ich habe einen Beitrag in Vorbereitung. Vorab: Bei solchen Versuchen entspricht ein 50:50- Ergebnis der normalen Zufallswahrscheinlichkeit. Das heißt wenn nur 50% Erfolg im Versuch gemessen wird, sagt dies gar nichts aus!! Eine 60%tige Übereinstimmung, wie dies in der diskutierten Studie der Fall ist, heißt es sind gerade mal 10% über dem Zufallsergebnis…. Anhand dieser Zahlen kann man schon ermessen, auf welch “tönernen” Zahlen die ganze Sache steht….von der Interpretation jener Zahlen bzw. der Studie ganz zu schweigen.

Ich möchte hier nun keine Diskussion darüber vom Zaune brechen, denn um das wirklich zu diskutieren, muss man noch etliche andere Details und Aspekte der Studie analysieren und dann die Schlussfolgerungen der Forscher betrachten……Das kostet Zeit und macht Arbeit, eine Mühe, welche sich die bisherigen Autoren nicht gemacht haben….

Wie gesagt ist an dem Ganzen für mich erstaunlich, wie schnell und grob über Forschungsergebnisse geurteilt und mit viel Imponierprosa und Verbalakrobatik eine sinnlose Debatte angezettelt wird…..(Das bringt vermutlich Leser – ist ja ein Reizthema)…Und es fühlen sich solche zu einem Urteil berufen, welche ansonsten wenig mit den Neurowissenschaften am Hut haben….Wer diese Fachbereiche studiert hat und ehrlich darüber diskutiert der schüttelt darüber nur den Kopf….

Monika schrieb am 17.04.2008 um 09:32 Uhr:

sollte natürlich “tönernen” Füßen heißen….;-)

Marcus schrieb am 17.04.2008 um 12:25 Uhr:

Hallo Monika!

Vielen Dank für deinen ausführlichen und interessanten Kommentar.
Ich verfolge dein Neurowissenschaftsblog schon seit einiger Zeit in meinem Feedreader als stiller Mitleser. Wird der Beitrag zum Thema freier Wille, den Du in Arbeit hast, dort erscheinen? Wenn nicht, würde ich mich freuen, anderweitig davon zu erfahren. :)

Gerade im Bereich der Philosophie kann ich mir vorstellen, dass sich viele zu Schnellschüssen verleiten lassen. Eine wissenschaftliche Meldung wird dann vielleicht als passend zur eigenen Theorie empfunden und in einem Anflug von Euphorie und gepflegter Eitelkeit – und vermutlich ohne Absicht! – wird diese Meldung transformiert, passend gemacht und muss dann als bewiesener Fakt wiederum als Beweis für die eigene Theorie herhalten.
Gerade in der Forschung des Bewusstseins und solcher Dinge wie dem freien Willen sollte gerade im Bereich der Philosophie/Erkenntnistheorie enger mit den Wissenschaftlern des entsprechenden Fachbereichs zusammengearbeitet werden. Nicht so sehr deshalb, weil der Philosophie als eigenständiger Geisteswissenschaft nicht zu trauen wäre, sondern weil auch der Philosoph auf dem neuesten Stand der Dinge sein sollte. :)

Monika schrieb am 17.04.2008 um 12:52 Uhr:

Meine Rede ;-)
Wobei einige Philosophen sich sogar ziemlich intensiv mit den Neurowissenschaften auseinandergesetzt haben. Diese Philosophen kritisieren dann auch die “nicht-philosophischen” Interpretationen der Neurowissenschaftler.

Hier ist es nämlich eher so, dass die Neurowissenschaftler ihre Studienergebnisse sehen und dann weit über das Ergebnis hinaus anfangen zu interpretieren. D.h. hier fehlen eher die “philosophischen” Kenntnisse und sauberen Begriffsdefinitionen bei den Neurowissenschaftlern. Außerdem geht es darum, den “Neurohype” am Leben zu erhalten, verständlich, weil damit auch Interesse an deren Forschung und Forschungsgelder verbunden sind.
Viele Neurowissenschaftler sind entweder Biologen oder Mediziner. Wenn diese in den “geisteswissenschaftlichen” Erklärungstopf greifen, entstehen viele Falschinterpretationen und Missverständnisse, weil zwar jene den Fachjargon nutzen, allerdings oft dann mit völlig anderen Bedeutungshintergründen….

Nimmt man Dein schön erklärtes Höhlengleichnis, dann kennen die Philosophen den Hintergrund “ihres” Schattens und die Neurowissenschaftler sprechen vom eigentlichen Schatten. Nur dass niemand merkt, dass hier dann Schatten mit Puppen verglichen werden ;-)

Wer die Originalstudien und Originalartikel der vielzitierten Neurowissenschaftler lesen würde, wäre enttäuscht,feststellen zu müssen wie wenig sensationell und wie zurückhaltend und immer in “Möglichkeitsformen” interpretiert wird.
Daher kann ich mir auch so sicher sein, dass Kamenin nicht eine Originalstudie wirklich gelesen hat und hier gewiß auch nicht vom “Fach” sein kann.

Marcus schrieb am 17.04.2008 um 13:06 Uhr:

Natürlich impliziert mein Wunsch nach mehr Zusammenarbeit zwischen Philosophie und Wissenschaft auch die umgekehrte Forderung: nicht nur die Philosophie soll die Wissenschaft, sondern auch die Wissenschaft die Philosophie zu Rate ziehen. Mehr Verzahnung.
Gerade ich als – zugegeben in die Jahre gekommener :) – angehender Philosophiestudent muss das ja sagen. :)

Martin Marchhart schrieb am 22.04.2008 um 14:51 Uhr:

Die moderne Gehirnwissenschaft wird bestimmt zur dominanten Wissenschaft der nächsten 20 Jahre…

Meiner Meinung nach ist sie aber ungeeignet, die Frage nach dem freien Willen zu beantworten. Selbst wenn alles stimmen mag, ist für mich die Illusion des freien Willens genauso real wie ein etwaiger tatsächlicher freier Wille… und die Illusion wird man uns nicht nehmen können.

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