Essay zu G. Boehm

Für ein Seminar musste ich ein Essay schreiben – eine Begriffsanalyse des Begriffs ‘Spiel’ im folgenden Zitat: “Ein Kunstwerk ist ein freies Spiel mit unterschiedlichen Bestimmungen” (nach Gottfried Boehm).

Gottfried Boehn, Kunsthistoriker und Philosoph, definierte ein Kunstwerk als “ein freies Spiel mit unterschiedlichen Bestimmungen”. Interessant in dieser Definition ist vor allem der Begriff ‘Spiel’, der hier näher analysiert werden soll. Dabei folgt die Analyse allerdings keinem etymologischen Vorgehen, sondern einem assoziativen und subjektiven Gedankengang.

Denken wir an das Spielen, denken wir auch unwillkürlich an Kinder. Kinder, die unbekümmert und mit ungeteilter Aufmerksamkeit ihrem Spiel nachgehen, eigene Regeln erfinden und ihrer Phantasie freien Lauf lassen. Das Spiel ist also eng mit Phantasie verbunden, ist vielleicht sogar ein Inbegriff der Phantasie. Ein Spiel ohne Phantasie kann es nicht geben. Weiter können wir beobachten, dass ein Spiel immer seinen eigenen (oft auch sehr strengen) Regeln folgt, während es jedoch Regeln unserer Alltagswelt, der Welt der Erwachsenen, durchaus brechen und verletzen darf und vielleicht auch soll. Insofern ist ein Spiel ein Ausbruch aus den engen Grenzen der Realität, es bricht genüsslich mit den Limitationen der Alltagskonvention und lebt durch seine spielerischen Regeln, die es selbst definiert hat. Die einzige Instanz, die dieses Spiel kontrollieren darf ist also das Spiel und dessen Teilnehmer selbst.

Ein Spiel ist aber auch immer ein Ausprobieren. Ein So-tun-als-wenn. Der erwachsen gewordene und strengeren (wissenschaftlicheren) Regeln unterworfene Bruder des Spiels ist also – wenn man so will – das Gedankenexperiment. Genau wie das Gedankenexperiment will auch das Spiel in gewisser Weise schon Existierendes nachahmen und es dann innerhalb seiner Grenzen und Regeln transformieren und erweitern. Im Spiel wird so aus Vertrautem etwas Neues, Spannenderes, etwas, das es vorher so noch nicht gab. Dabei folgt das Spiel als phantasievolle Beschäftigung mit dem, was Objekt des Spiels ist, nicht unbedingt und vielleicht nur unbewusst einem bestimmten Zweck. Es ist also Selbstzweck: das Spiel wird um des Spielens willen gespielt.

Für Kinder hat das Spiel jedoch auch das – wohl nicht bewusst wahrgenommene – Ziel, etwas zu lernen. Etwas zu lernen über das Funktionieren unserer Gesellschaft und unserer Wirklichkeit. Also ist das Spielen immer auch eng mit dem Lernen verbunden. Im Spiel wird leicht und mit Spaß und Phantasie etwas über den Menschen und die Welt in dem er lebt gelernt, das ohne das Spiel vielleicht nur über kompliziertere Umwege erkannt werden kann. Das Spiel hat also auch Anteil am Erkennen und Entdecken von Wahrheiten.

Darüber hinaus ist ein Spiel auch Interaktion zwischen den Spielenden. Die Spielenden handeln nach den Regeln des Spiels miteinander. Dabei ist alles erlaubt, was das Spiel erlaubt – und das Spiel erlaubt, was die Spielenden einvernehmlich in den Regeln festgelegt haben. Gehen wir noch einen Schritt weiter und fügen Beobachter hinzu, die keine aktive Rolle im Spiel einnehmen. Zuschauer also, wie zum Beispiel bei einem Theaterstück, das ja zuweilen auch Spiel genannt wird. Hier kann das Spiel auch die Zuschauer mit einbeziehen, oder sich auf sie beziehen. So wird das Spiel zu einem Schauspiel für die Beobachter. Das Spiel will dann die Zuschauer unterhalten, ihnen die ihm innewohnende Welt und deren Regeln näher bringen und alles zeigen, was in dieser Welt unter den neuen Regeln möglich ist. Oder es will die Zuschauer schockieren, verstören, zum Nachdenken bewegen. Das Spiel kann also auch als Metapher gesehen werden. Als Allegorie auf die – oder einen Teil der – realen Welt.

Wenn wir oben gesagtes zusammenfassen, ist ein Spiel also ein phantasievolles Ausloten von Möglichkeiten, ein Ausprobieren einer anderen Welt, etwas, das durch ungewohnte Kombination von Vorhandenem Neues erschafft und neue Erkenntnise über unsere Welt erleichtert und manchmal auch erst ermöglicht.

In seinem Zitat erweitert Boehm das Spiel noch zu einem freien Spiel. Hier betont Boehm also den Aspekt der Phantasie im Spiel noch mehr und lockert die Zügel der Spielregeln weiter, als dies ohnehin schon der Fall ist.

Im Sinne Boehms ist ein Kunstwerk also eine phantasievolle Beschäftigung, die unterschiedliche Bestimmungen neu kombiniert, reorganisiert und neuen, erweiterten Regeln unterwirft. Ein Kunstwerk als Spiel schafft durch Transformation von Vertrautem Neues, Überraschendes und konfrontiert seinen Betrachter mit neuen Sichtweisen auf die Welt und mit ungewohnten Ansichten und erweckt so neue Assoziationen. Im Sinne dieser Ausführungen verhilft ein Kunstwerk als Spiel zu neuen Erkenntnissen, unterhält den Betrachter und bringt ihn mit seinem Ausloten von Darstellungsmöglichkeiten der Kunst zum Nachdenken und zu neuen An- und Einsichten. Ebenso wie ein Spiel kann ein Kunstwerk seinen Betrachter schockieren, verunsichern, verstören, zum Lachen oder zum Weinen bringen. Ein Kunstwerk ist aber auch und vor allem Phantasie und ein Experiment, das unsere Welt (oder einen Teil davon) widerspiegelt. Dabei hängt es von den Spielregeln und den Spielern ab, wie fremd und verzerrt oder naturgetreu und real, schön oder vermeintlich hässlich das Kunstwerk auf den Betrachter wirkt. Was für das Spiel gilt, gilt ebenso für das Kunstwerk: alles ist erlaubt, was die Kunst erlaubt. Und die Kunst erlaubt, was sie innerhalb ihrer Regeln selbst als erlaubt definiert.

Universität zu Köln, Philosophisches Seminar, Marcus Kober

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4 Kommentare:
Matthias schrieb am 21.01.2009 um 20:21 Uhr:

Mir gefällt dein Essay sehr, da die unterschiedlichen Definitionen zum Spiel klar herausgearbeitet wurden.
Neben Phantasie ist der Unterhaltungswert im Spiel auch sehr hoch. Kunst soll auch Spass machen.

Karsten schrieb am 25.01.2009 um 09:51 Uhr:

Das Essay ist wirklich gut gelungen und dieses Herausarbeiten der Gemeinsamkeiten zwischen Spiel und Kunst finde ich besonders interessant. Auch den Faktor Lernen beim Spiel mit einzubeziehen, ist gut gelungen, auf diese Ideen kommt man beim einfachen Gedanken an das Spielen gar nicht.

Der Unterhaltungsfaktor ist natürlich auch sehr wichtig, Spiele und Kunst sollen immer auch Spaß machen, können mitunter aber auch sehr gut zu Diskussionen anregen, was ja irgendwie auch eine Form von Spaß ist.

Dirk schrieb am 27.01.2009 um 11:09 Uhr:

Lernen beim Spielen ist ja schon recht alt. @ Karsten.
So was gibt es ja schon sehr lange und man wendet es immer wieder an. Sogar Jugendliche, die Abitur machen oder Studenten, die gerade ihr Diplom ablegen machen es mit dieser Methode. Man kann in jeder Altersstufe diese Methode anwenden wie ich finde.

Das Essay an sich ist wirklich toll. Ich finde, dass man ihr die richtige Mischung gefunden hat und es wirklich sehr gut umsetzen konnte. Ich finde es wirklich gut.

Charles schrieb am 03.03.2009 um 00:49 Uhr:

Wie steht es mit dem Gegenteil vom Begriff Spiel oder vom Spiel selbst? Die Abgrenzung gegenüber allem, was nicht Spiel ist, fehlt.

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