Paralleluniversen und Doppelgänger

In letzter Zeit häufen sich ja Äußerungen und Publikationen von Wissenschaftlern, die einen – gelinde gesagt – doch etwas staunen lassen. Da lesen wir von der Zukunft, die Maschinen im Jetzt sabotieren könnte (LHC), von Dimensionstoren (die für Bruchteile von Sekunden geöffnet werden – auch im LHC-Kontext), von Sitzungen zur Exopolitik und eben auch mal wieder von Paralleluniversen. Sehr schön erklärt und mit dem Problem des Doppelgängers in Verbindung gebracht wird das in einem Artikel auf Telepolis.

Paralleluniversen sind unterschiedliche Universen, die alle zur selben Zeit existieren. Alle Paralleluniversen zusammen bezeichnet man als das Multiversum. Einige Wissenschaftler gehen nun davon aus, dass es auch Paralleluniversen gibt, die eine Kopie unseres Universums sind. Dabei gibt es exakte Kopien und Kopien, die abweichen. In einer Kopie bleiben wir beispielsweise sitzen und trinken einen weiteren Kaffee, während wir in einem anderen aufstehen, oder einen Herzinfarkt bekommen. Und ja, richtig gelesen: nach dieser Theorie haben wir in Paralleluniversen Doppelgänger. Die Doppelgänger-Theorie wird dabei durch die Wahrscheinlichkeitstheorie gestützt.

Das Multiversum wird dabei als so riesig betrachtet, dass alles, was eine Wahrscheinlichkeit größer als Null hat, auch irgendwo passiert. Hierzu wird ein altes Gedankenexperiment zur Veranschaulichung bemüht, das ich schon immer sehr interessant finde: das Infinite-Monkey-Theorem. Man stelle sich einen Affen vor, der für unendliche Zeiten vor einer Schreibmaschine sitzt und tippt. Er tippt dabei völlig willkürlich. Die Wahrscheinlichkeitstheorie besagt nun, dass er irgendwann in dieser unendlich langen Zeit auch alle existierenden Bücher geschrieben haben wird. Und zwar Wort für Wort. Die Wahrscheinlichkeit ist natürlich gering – aber nicht gleich Null. Eine weitere Variante, die ich einmal gehört habe besagt, dass er auch irgendwann die Lebensgeschichte jedes Menschen geschrieben haben wird. Eine gruselige Vorstellung.

Aber zurück zu den Paralleluniversen. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo Kopien unserer Welt existieren ist nicht gleich Null, da die Verteilungsmöglichkeit der Atome im Universum ähnlich endlich ist, wie die der Buchstaben und Zeichen in einem Buch. Eine unendliche (oder sehr sehr große) Anzahl an Paralleluniversen spielt also – wie der tippende Affe – alle (oder sehr sehr viele) Kombinationen der Atome durch und damit ist die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung gegeben.

Das Problem, das sich nun auftut, ist das Doppelgänger-Problem. Ich habe nach der Theorie also irgendwo einen (oder mehrere oder unendlich viele) Doppelgänger; eine exakte Kopie von mir. Denken diese Doppelgänger genauso wie ich? Fühlen sie wie ich? Könnte ein Doppelgänger von mir in mein Universum gelangen, würden meine Freunde merken, dass nicht ich es bin, der vor ihnen steht, sondern „nur“ eine Kopie? Und gibt es ein „richtiges“ Ich, während alle anderen eben nur die Kopien sind und es ihnen – gegenüber dem Original – an irgendetwas mangelt?

Dieses Problem ist natürlich auch für Philosophen interessant – genauso wie auch für Theologen. Nicht auszudenken, was die mögliche Existenz von Doppelgängern für die Religionen und für die Theorie der Existenz einer Seele bedeutet. Geht man von einem rein materialistischen Ansatz aus (wie beispielsweise Daniel Dennett), so wären die Doppelgänger tatsächlich ununterscheidbar. Geht man dagegen davon aus, dass das subjektive Erleben nicht nur auf den materiellen Zustand zurückzuführen ist (wie etwa David Chalmers), so ist es durchaus möglich, dass die Doppelgänger unterschiedlich sind. In letzterem Ansatz ist es natürlich auch denkbar, dass es „falsche“ Kopien gibt, denen es an etwas mangelt, das eben das Original aufweist. Was ist er nun, dieser Doppelgänger? Eine zombieartige Kreatur, die das Pech hatte, nicht im richtigen Universum geboren zu sein? Oder eben doch eine je eigenständige Person, die eine eigene Geschichte und Vergangenheit hat und die mir eben nur dann genau gleicht, wenn sie auch meine Vergangenheit teilt und keine anderen Entscheidungen getroffen hat? Hier sind wir in einem Bereich der puren Spekulation, da die Wahrscheinlichkeit, einen Doppelgänger zu treffen, aufgrund der großen Entfernungen zwischen Paralleluniversen (10 hoch 10 hoch 29 Metern; geschätzt von Max Tegmark) reichlich gering ist. Geht man allerdings wieder vom Gedankenexperiment des tippenden Affens aus, müsste es eigentlich ein Paralleluniversum wo genau das passiert: das Treffen von Doppelgängern.

Für mehr Information zu diesem sehr interessanten Thema empfehle ich den oben genannten Artikel auf Telepolis, der wiederum ein Auszug aus dem Buch „Die verrückte Welt der Paralleluniversen“ von Tobias Hürter und Max Rauner ist.

Über das Problem des Ich und der Unverwechselbarkeit des Menschen ist gerade auch ein interessanter und lesenswerter Artikel auf Zeit.de erschienen.

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