Donnerstags-Texte #2

Am heutigen Donnerstag gibt es – wegen der Länge – gleich zwei Texte. Beide stammen aus der losen Sammlung Sinneseindrücke. Diese Sammlung ist sozusagen ein Auffangbecken für Texte, die ich nirgends sonst unterbringen konnte und die ich auch nicht löschen wollte. Sie reichen etwa bis ins Jahr 2003 oder so zurück.

I

Am Abend war ich zu wach, zu aufgedreht, um schon nach Hause zu gehen und so strich ich durch die Stadt, ohne Ziel. Die Gesprächsfetzen, die man im Vorbeigehen aufschnappt, aus dem Zusammenhang gerissen, verwirrten mich an diesem Abend. Was für ein Leben, das ich führe. Vielleicht so wie diese Wort- und Satzfetzen, die auftauchen und schnell wieder verschwinden und die sich nicht vereinen lassen oder sich sogar widersprechen. In einem endlosen Taumel innerer Stimmen, dahinstolpern und nichts, das sich bewährt und nichts, das einmal bleibt, so bin ich ständig Veränderung und zu keinem Moment ein fassbares Ganzes, nur ein Knäuel, dessen Ende sich irgendwo verliert. Es gibt nicht den Wunsch in mir, zurückzugehen, jeden Morgen lösche ich mich selbst und erfinde mich neu.

III

Geschwindigkeit und Spielzeuge. Was wichtig ist, ist die Geschwindigkeit. Es muss genau die richtige sein, nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam, um den Faden nicht zu verlieren und auch schnell genug, um das Selbstvertrauen zu erhalten. Ein stetiger Fluß, ein kleines Zögern schwächt schon, eine Lücke klafft und wird zur Wunde, die irgendwann nicht mehr ignoriert werden kann. Sie schmerzt und will auf sich aufmerksam machen, verwandelt sich in eine Fratze und starrt mich an mit einem wahnsinnigen Blick und einem Lächeln „Siehst du, ich habs dir ja immer gesagt. Wertlos, wirklich!“. Es geht darum, mich selbst zu überraschen. Vielleicht ist das wirklich das Einzige, das wirklich zählt. Warum sich einen anderen Grund ausdenken oder Rücksicht nehmen, warum nicht einfach wirklich diese schwarzen Gitter, Symbole und windschiefen Brocken auf die Seite hämmern? Nichts ist klein genug, um nicht vor dem Verfall, vor dem Vergessen gerettet zu werden. Und doch fegt der Wind darüber und wer weiß schon, was wirklich am Ende übrig bleibt. Spielzeuge bleiben oft liegen und entwickeln ein Eigenleben, drängen sich nach einiger Zeit in den Vordergrund und erzwingen Aufmerksamkeit. Mit ihnen soll wieder gespielt werden – ich soll mit ihnen spielen. Viel länger als vorher geplant – als Strafe, weil ich sie so lange nicht beachtet habe, weil sie in einem Schrank, in einem Winkel meines Gedächtnisses allzu lang der Dunkelheit ausgesetzt waren und dort von Geistern durchdrungen wurden. Eine lange Transformation, wie Erosion, alles wird glatt.

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Ein Kommentar:
judith schrieb am 12.12.2009 um 20:42 Uhr:

“Es gibt nicht den Wunsch in mir, zurückzugehen, jeden Morgen lösche ich mich selbst und erfinde mich neu.”

eine kunst ist das

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