Donnerstags-Texte #3

Heute gibt es wieder einen Text aus den Sinneseindrücken. Dies wird auch die nächsten Donnerstage so der Fall sein, da gibt’s noch genug Stoff.

IV

Und immer kleine Wortfetzen. Wegesrandabsätze und Sackgassenkapitel. Wir wollen doch hoffen, es sind keine Hülsen, sondern vielleicht nur Flüchtigkeiten, die fein sind, doch damit nicht weniger bedeutend. Was meintest du, als du mir sagtest „schön, dich kennen gelernt zu haben“? Hülse, Floskel, oder doch etwa Ernst, wofür vielleicht die Küsse sprechen und auch deine Berührungen und deine Blicke, die ich nie so richtig deuten konnte und mich nicht traute zu fragen. Aber vielleicht projeziert man in den Blick des anderen auch immer einen Teil des eigenen Blicks. Eine Spiegelung des eigenen Blicks im Blick des Anderen. Vielleicht das. Und wenn du lächeltest, dann konnte ich dein Lächeln nicht ergründen und vielleicht wollte ich das auch nicht. Wir haben uns eine kleine Zeitkapsel erschaffen und uns für kurze Zeit von der Welt getrennt, von unseren Welten, in die wir – jeder dem anderen – nur vorsichtig und mit einem geschlossenen Auge blickten. Tastend in einem Dunkel, das auszuleuchten vielleicht gefährlich gewesen wäre. Dein Mund, deine Augen, dein Mund, deine Brust, dein Bauch, deine Brust, dein Mund, deine Augen und dein Lächeln, dein Nabel und alles nah und warm und weich und immer wieder deine Augen. Und jetzt warte ich vielleicht. Warte darauf, eine Nachricht von dir zu finden. Und vielleicht warte ich doch nicht, weil ich nicht er-warte. Ich habe noch nie Wimpern gesehen, die so durcheinander geraten können. Und dann sind da diese bohrenden Zweifel. Fragen nach der Bedeutung. Und dann kommt wieder der Gedanke, dass diese Fragen doch eigentlich nichts bedeuten und an diesen Stunden und Berührungen nichts ändern können. Unantastbar, das, was war, eingebrannt. Die Erinnerung bleibt und verblasst nicht so schnell wie dein Geruch von der Kette verfliegt, die du auf meinem Bettrand vergessen hast. Wörter sind einfach nur geisterhafte Schatten, die zu starr auf dem Papier stehen, sich als Tinte in die Fasern ziehen und nicht so viel Raum geben, wie man das manchmal gerne hätte. Schwarze Gitter auf weißem Papier, verbogene Friedhofszäune um abgestorbene Gefühle.

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