Wozu Philosophie? (Raum & Zeit)
Wer sich mit Philosophie beschäftigt, oder auch Philosophie studiert (so wie ich) und in einer Diskussion mit Freunden oder Arbeitskollegen dies erwähnt, wird die eine Frage kennen, zu deren Beantwortung zunächst weiter ausgeholt werden muss: Wozu eigentlich (heute noch) Philosophie?
Wie bei jedem anderen Fachgebiet ist auch bei der Philosophie nicht jedem klar, was dieses Gebiet denn genau ist und was für Ziele es verfolgt. Jedoch scheint gerade die Philosophie ein weißer Fleck auf der Landkarte der Wissenschaften zu sein. Es gibt viele Meinungen darüber, was Philosophie sei, doch Konsens herrscht oft darin, dass sie zu nichts führe oder schlicht nicht mehr zeitgemäß sei. So stellt sich der Sachverhalt zumindest mir dar, wenn ich mich an so manches Gespräch mit Freunden und Kollegen denke. Schlechtderings wird die Philosophie eher in Richtung Esoterik geschoben und ihr die Zugehörigkeit zu den (Geistes-)Wissenschaften aberkannt.
Als ich in der Schule den Philosophie-LK gewählt habe (das ist bei mir noch nicht so lange her, da ich das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg im Alter von 30 Jahren nachgeholt habe), mussten die Teilnehmer des Kurses ihre Motivation zur LK-Kurswahl angeben. Die Unterschiedlichsten Gründe waren zu hören, doch der wahre Grund wurde unter den Mitschülern nur getuschelt: Philosophie sei ein “Laber-Fach”, bei dem man mit etwas Darum-Herum-Reden und ohne viel Arbeit schon eine gute Note bekommen würde. So etwas wie ein Pendant zum Religionsunterricht. Doch schon nach wenigen Tagen Aristoteles war diese Idee ausgeträumt und so mancher plagte sich mit der Aristotelischen Logik und der Logik in der Philosophie überhaupt. Und nicht zuletzt auch mit der Wissenschaftlichkeit, mit der die Texte bearbeitet werden mussten.
Die Philosophie im Laufe der Zeit
Stark vereinfacht ausgedrückt waren Philosophie und Wissenschaft in der Antike untrennbar miteinander verbunden, bildeten eine Einheit. Viele Philosophen beschäftigten sich mit der Naturwissenschaft und es sind eben jene Philosophen, denen wir die Grundlagen für die heutigen Naturwissenschaften verdanken. Nehmen wir als Beispiel den Raum und die Zeit. Über das Wesen und die Struktur von Zeit und Raum machten sich schon die Philosophen der Antike viele Gedanken. Heute dagegen werden Fragen dieser Art anscheinend ausschließlich als der Physik angehörig angesehen.
Um zu klären, wie es dazu kam, muss man sich die Geschichte der Philosophie weiter betrachten. Zu Zeiten, in denen das Wissen der Menschheit noch so übersichtlich war, dass es Universalgelehrte gab, die in allen Wissenschaften erschöpfend bewandert waren, war der Unterschied zwischen den Wissenschaften noch nicht so bedeutend. Mit wachsendem Wissen spezialisierten sich die Wissenschaftler auf ihre Interessensgebiete und lange Zeit war die Philosophie so etwas wie eine Metawissenschaft in dem Sinne, als dass sie alle anderen Wissenschaften ordnet und miteinander verbindet. Die Methoden der Philosophie sollten für alle anderen Wissenschaften als Vorbild gelten.
Mit dem immer mehr anwachsenden Wissen bildeten sich mehr oder weniger scharf umgrenzte Spezialgebiete aus. Die Philosophie ordnet sich logischerweise in die Geisteswissenschaften ein und erschien nun als getrennt von allen anderen Zweigen.
Natürlich gibt es auch heute noch zahlreiche interdisziplinär forschende Wissenschaftler, die sich nicht nur auf einen Teilbereich konzentrieren, sondern andere Fachrichtungen für komplexere Erklärungen mit einbeziehen. So sind es auch weiterhin neben den Physikern auch Philosophen (oder auch Physiker, die auch Philosophie studiert haben und umgekehrt), die sich mit den Problemen von Raum und Zeit auseinander setzen. Nur ist dies häufig in hochspekulativen Theorien und Bereichen der Fall, von denen Menschen, die sich nicht für diese Bereiche interessieren, in den Medien nicht viel (oder gar nichts) erfahren.
Was die Philosophie heute (unter anderem) leistet
In unserem Beispiel von Raum und Zeit sind dies Bereiche wie die Quantenmechanik, die String-, oder auch die M-Theorie. Oft sind es Philosophen, die sich die Aufgabe stellen, hochkomplexe mathematische Theorien in ein auch für Laien verständliches Kleid zu packen, also die populärwissenschaftlichen Bücher zu schreiben, die uns Physik-Laien über den aktuellen Stand der Technik aufklären. Doch nicht nur diese reine Aufklärung ist eine Aufgabe für die Philosophie. Weit wichtiger ist hier das Vorausdenken und Diskutieren der Auswirkungen, die neue physikalische Theorien für unser tradiertes Weltbild haben oder haben werden. Was bedeuten die neuen Sichtweisen auf Zeit und Raum für uns und unser Bild von dem, was wir als Realität akzeptiert haben? Unter anderem hat hier die Philosophie natürlich auch heute noch ihre Existenzberechtigung und braucht sich nicht im Schatten der anderen Wissenschaften zu verstecken, die eine solche Beurteilung der Konsquenzen für unser tägliches Leben und unseres moralischen Empfindens nicht leisten können. Denn auch die Ethik ist ein weites Feld der Philosophie, das gerade in unserer Zeit des immer schneller werdenden technisches Fortschritts. Jeder Fortschritt, jede neue Technik bedarf einer Bewertung im ethischen Sinne. Und hier ist die Philosophie noch immer federführend.
Ein Fazit
Die Philosophie ist also nicht die bequeme Wissenschaft, die sich selbst tot redet und sich nur um sich selbst dreht. Sie ist auch eine exakte Wissenschaft und ein Werkzeug zur ethsich-moralischen Bewertung der anderen Wissenschaften und ihrer selbst. Es wäre natürlich zu wünschen, dass es wieder vermehrt Kontakte zwischen den Wissenschaften gibt, denn meiner Meinung nach ist ein interdisziplinärer Ansatz auf längere Sicht fruchtbarer als das Mäandern in abgekapselten Fachbereichen. Glücklicherweise lässt sich heute wieder eine Entwicklung hin zum Austausch der Wissenschaften erkennen. Und vielleicht erlangt ja auch die Philosophie irgendwann wieder den Ruf zurück, den sie einmal hatte und vielleicht wird man auch bald als Philosophie-Stundent nicht mehr nur als eine Vorstufe des Taxifahrers angesehen.
Was dieser Artikel nicht leistet und ein Ausblick
Da ich mich hier aus aktuellem Anlass und Interesse mit dem Bereich der Physik beschäftigt habe, fehlen diesem Artikel natürlich viele Aspekte der Philosophie. So werden beispielsweise heute auch Philosophische Praxen eröffnet, die Rat in ethischen Fragen bieten. Dies sei aber nur am Rande erwähnt.
Ich habe mich so sehr auf den Raum und die Zeit konzentriert, da dies das Gebiet ist, das mich momentan am meisten interessiert. Wenn es meine Zeit erlaubt, wird es hier auch bald mehr Artikel zu diesem Thema geben.
Fragen, Anmerkungen und Kritik zu diesem Artikel nehme ich über die Kommentare gern entgegen.




Ein interessanter Ansatz, das Problem kommt mit bekannt vor. Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Philosophie studiere, kenne ich nur zwei Reaktionen. Entweder wird es als nutzloses Laberfach abgetan (“und, schon Taxischein gemacht?”), oder aber die Leute haben die wildesten Vorstellungen (“Was ist denn der Sinn des Lebens?”). Überspitzt, aber trifft den Kern.
Nun muss ich zugeben, dass ich weder von Physik, noch von Raum/Zeit viel verstehe, aber ein ganz anderer Bereich kommt mir in den Sinn wo Philosophie auch heute noch (grade heute) unheimlich wichtig ist: Politik. Auch wenn “niemand” weiss, was im Bereich der politischen Theorie behandelt wird, so ist es doch erstaunlich, wieviel davon in den Gesellschaft dringt, ohne dass es uns bewusst ist, wenn auch mit einiger Verzögerung. Zum Beispiel ist es interessant zu sehen wie sich unser Verständnis von “Gerechtigkeit” oder “Staat” über die Jahre gewandelt hat, das passiert ja nicht “einfach so”. Politikwissenschaftler und Soziologen versuchen die Gesellschaft wie sie ist zu verstehen, aber zu überlegen wie diese Ergebnisse interpretiert werden und was für Auswirkungen das auf die Zukunft hat, das ist die Rolle der Philosophen. Und es ist eine ganz paradoxe Rolle, denn das eigentliche Themengebiet scheint immer recht weltfremd, aber mit einiger Zeitverzögerung (10-30 Jahre) findet man die Ideen aus der Philosophie dann doch in allen möglichen und unmöglichen Bereichen wieder.
Ein anderer wichtiger Aspekt ist der Bereich Bewusstseinsforschung, Künstliche Intelligenz und wie schon genannt, Bioethik. Da passiert zur Zeit wahnsinnig viel, auch in enger Zusammenarbeit von Philosophen und Naturwissenschaftlern.
So ganz allgemein denke ich, man kann sagen die Aufgabe der Philosophie ist nicht Probleme zu lösen, sondern Probleme aufzuzeigen und zu definieren.
Das ist natürlich schwer in einem ideologischen Klima wo alles quantifizierbar und evaluierbar sein soll, aber dennoch nicht weniger wichtig. Ich finde, Philosophie ist ein bisschen mit höherer Mathematik vergleichbar. Auf den ersten Blick unheimlich weltfremd, aber dennoch liefert sie Ergebnisse, ohne die alle anderen nicht weiter kämen.
Der Ruf des Laberfaches kommt wohl eher daher, dass zum einen Wörter wie “philosophieren” und “Philosophie” im allgemeinen Sprachgebrauch ständig missbraucht werden. Ausserdem ist ein Teil des philosophischen Fachvokabulars sehr nah an der “normalen” Sprache dran, wird aber anders benutzt. Das erweckt beim Erstkontakt schnell den Eindruck als wäre so mancher philosophischer Text nichts als wirres Gebrabbel, wohingegen z.B. bei einem Fachtext aus einer beliebigen Naturwissenschaft für den Laien sehr schnell klar wird, dass ihm schlicht das nötige Hintergrundwissen fehlt um den Text zu verstehen.
In der Politikphilosophie kenne ich mich wiederum nicht so gut aus. Allerdings gebe ich dir natürlich recht, das hier ein sehr wichtiger Bereich für die Philosophie liegt.
Und ja, bei der Erforschung des Bewusstseins und der Künstlichen Intelligenz spielt die Philosophie auch eine große Rolle. Zur Zeit belege ich ein Seminar, das der Erforschung des Ich gewidmet ist und auch Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften mit einfließen lässt. Es ist spannend zu sehen, wie auf diesem Gebiet – wie Du auch schon sagst – Philosophen und Naturwissenschaftler eng zusammenarbeiten und gemeinsam Fachartikel und Bücher schreiben.
Du betonst noch einen wichtigen Aspekt, den ich in meinem Artikel ganz ausser acht gelassen habe: den Wandel des Verbs „philosophieren“. Mittlerweile ist damit ja fast nur noch „schwafeln“ gleichzusetzen…