Donnerstags-Texte #5

Die letzten beiden Donnerstage fielen Weihnachten und Neujahr zum Opfer. Aber ab heute soll die Reihe wieder fortgesetzt werden. Heute habe ich einen Text ausgewählt, den ich 2005 auf Reisen geschrieben habe und dann nicht anderweitig verwenden konnte. So schlummert er seitdem auf meiner Festplatte.

Abgesang

Du kleidest dich in Worte, während ich nur ein einziges Wort suche. Manchmal kann ich diesen Missbrauch nicht ertragen. Deinen Missbrauch der Wörter und wie du dich mit ihnen schmückst, wenn wir bei einem Glas Wein mit Freunden zusammen sitzen oder du mir leise etwas ins Ohr flüsterst, von dem du denkst, es sei für mich bestimmt, während es in Wirklichkeit doch nur deine Größe unterstreichen soll oder meine Schwäche. Vielleicht ertrage ich aber auch die schöngewandete Dummheit nicht – wie Parfum auf stinkenden Leibern. Du solltest mit den Wörtern und Worten vorsichtig sein – vielleicht nicht so vorsichtig wie ich, denn eine ähnliche Sensibilität kann ich dir wohl nicht abverlangen. Reck deinen Hals aus deinen Silben, lass dein Antlitz sehen – wortungeschminkt. Was mischt du dich ein in meine Sprache, ich möchte dich aus meinen Gedanken winden. Aber deine Medusawörterschlangen halten meine Synapsen in festem Griff und haben all die Bannsprüche schon längst unbrauchbar gemacht. Ich hätte dich nie so weit vordringen lassen sollen – jetzt ist es vielleicht zu spät und deine Wortfetzen bahnen sich ihren Weg wie eine Blutvergiftung. Du formst alles um in deiner Feigheit, die du Liebe nennst. Erlöse mich von deinen leblosen Formeln. In einem einzigen Zug wolltest du mich leeren, alles auf einmal, von meiner Seele trinken und hast dich dann daran verschluckt. Vielleicht hättest du dich mit den Portionen begnügen sollen, die ich für dich als richtig erachtet hatte, doch du wolltest ja alles auf einmal und meintest, mich zu verstehen, mich durchleuchtet zu haben, zu einem Ende bei mir gekommen zu sein, mich ausgelesen zu haben. Welche Arroganz darin liegt ahnst du wohl noch nicht einmal. Vermutlich hast du mich auch abgeschrieben – stenografisch, ohne an den Verlust zu denken und nur um der Quantität Willen. Dabei steckt in einem kleinen Ausschnitt oft schon eine ganze Welt. Wenn du mir all meinen Atem nimmst, fehlt mir die Luft, um über deine Wunden zu hauchen. Ich ertrage deinen Vampirismus nicht mehr, der sich so oft zeigt, deine Zähne stecken in jedem Fetzchen Fleisch. Und nun fliehe ich in die Turbinen der Nacht, angestachelt und heiß durch den schaumigen Wein und die schnell gelebten Stunden und halte mich fest an den Gedanken, die endlich wieder nur mir gehören.

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