Donnerstags-Texte #8

An diesem Donnerstag mache ich einen zeitlichen Sprung und veröffentliche erstmals einen Text, den noch niemand gelesen hat. Er stammt aus dem Jahr 2009 und gehört zu einem Projekt, das noch aktuell ist und an dem ich noch immer arbeite. Einen Titel gibt es auch, der ist jedoch schon recht alt und vereint unter sich noch andere Texte, von denen ich allerdings nicht weiß, ob sie noch zu diesem Projekt passen. Der Titel ist – und es kann durchaus sein, dass er sich noch ändert: Die Kolonie der Albatrosse.

Die Kolonie der Albatrosse

Wir bewegen uns in Richtung der zunehmenden Entropie, eine Größe, die in Systemen stetig zunimmt und somit eine Art von Zeitpfeil darstellt, dessen Richtungsanweisung wir nicht entgehen können, weil es kein Zurück gibt, ohne einen Eingriff vorzunehmen, ohne selbst Kraft in etwas zu investieren, um wieder einen geordneten Zustand herzustellen, wo das Chaos schon seine Wirbel kreisen lies. Ein jedes Leben ist ein System mit zunehmender Entropie, unser Gedächtnis ist ein System mit zunehmender Entropie. Wir entgehen diesem Sog nicht, der Schlieren zieht, der alles unübersichtlich macht und aus vormals geordneten Abläufen eine scheinbar sinnlose Menge von Daten, eine Ansammlung von wirren Erinnerungsfetzen, ein Gemisch mit stufenlos eingemengten Intensitäten von Erleben und Gefühl, Assoziation und Reaktion, Kausalzusammenhang und Zufall macht. Und vielleicht ist es gerade dieser klaffende Graben, der sich zwischen dem Verstreichen der Tage, Wochen und Monate und der inneren Struktur der Erinnerung auftut, der mich so sehr verwirrt und es mir unmöglich macht, mein Leben an einem Strang, an einem roten Faden zu erwischen und von dort aus mit der Leitung eines solchen Wegweisers Ordnung in die Vergangenheit und die Gegenwart zu bringen und endlich zu erkennen, was dieses Ding, das nun einmal Ich genannt wird und das doch irgendwo in mir zu finden sein muss – wenn nicht dort, wo denn dann? – eigentlich will, denn es muss doch nun Wünsche haben und Abneigungen, wenn schon nicht so etwas wie ein übergeordnetes Ziel, denn solch teleologische Spitzfindigkeiten möchte ich hier nicht bringen, darum geht es hier nicht.

Gegenwart, das ist alles, worum ich bitte, ist alles, worum es mir geht. Gegenwart gewürzt mit ein bisschen Vergangenheit, auf eine bestimmte Art erinnert, die Wachstum erkennen lässt oder auch Abstieg. Noch feuern die neuronalen Katapulte mit beängstigender Genauigkeit und einem Sinn für den richtigen Moment mit Gedächtnissplittergranaten. Terrorisieren dieses dünne Häutchen zwischen Gegenwart und Zukunft, spicken es mit Fragmenten aus alten Zeiten, die in den feinen Poren hängen bleiben wie zappelnde Fische in einem Netz aus empfindlichen Nerven.

Jeder Tag wird schon unrein begonnen, kann keine weiße Fläche sein, die zu füllen wie Schreiben auf eine leere Seite ist, die auf weiteren leeren Seiten liegt. Geschichte. Dieses Wort – so wurde mir deutlich gemacht – muss erst einmal genau betrachtet werden, bevor das Grauen erkennbar wird, das in ihm ruht: Ge-Schichte: eine Schicht auf die nächste gepackt, noch nicht ganz trocken, noch nicht ganz verarbeitet und schon kommt die nächste hauchdünne Schicht, ohne acht zu geben auf die Verklebungen und Durchdringungen, die dadurch entstehen und auf all die Schimmel- und Stockflecken. Ein ekler Untergrund, ein Moloch der erkalteten Worte, Fetzen und Splitter einer vergangenen Zeit – und darauf ist sie dann errichtet, unsere Gegenwart, die immer speckiger wird, bis wir die Flecken und die stickige Luft nicht mehr ertragen können. Wie ein Kaffeefleck, der sich langsam durch mehrere Schichten Küchenpapier saugt und so das Innere des Papiers leicht zerreißbar macht, bis irgendwann von selbst ein Loch entsteht, fressen sich zurückliegende Ereignisse bis in den unmittelbaren Moment und ermöglichen einen Blick durch das entstandene Loch auf eine abgelaufene Zeit, die dann wie zum Greifen nah erscheint, weil die verklebten und durchdrungenen Schichten mit ihrer Dünne die Idee einer linear verlaufenden Zeit ad absurdum führen und Gefühlsgolems erschaffen, denen wir selbst Leben einhauchen, indem wir ihnen die Insignie der Erinnerung in die Stirn ritzen. Diese Insignie ist der individuelle Schlüssel zu einem Bereich in unserem Gedächtnis und manchmal genügt ein Hauch dafür. Ein Geruch. Ein Anflug einer Melodie. Vielleicht würde ich gerne die Geschichten einiger solcher Insignien erzählen. Und da haben wir das Wort wieder. Geschichte. Doch ich verstecke die Insignien, tarne sie und verwende das Rohmaterial. Deshalb verstecke ich die Menschen und verwende ihre Gedanken. Deshalb verstecke ich die Orte und verwende ihre Atmosphäre. Deshalb verstecke ich erst recht die Zeit, diesen Heuchler und verwende – die Erinnerung.

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