Bachelor ungeeignet für Philosophie

Nachdem ich mittlerweile das 3. Semester meines Studiums (Germanistik und Philosophie – 2-Fach-Bachelor) hinter mich gebracht habe, ist es Zeit für eine kleine Einschätzung. Natürlich könnte ich mich jetzt ganz allgemein darüber ergehen, wie sehr ein Bachelor-Studiengang der ursprünglichen Idee des Studierens widerspricht. Doch das wurde an vielen anderen Stellen schon zur Genüge getan. Nein, ich möchte hier eine kurze Einschätzung dazu geben, inwiefern es problematisch ist, Philosophie auf Bachelor zu studieren.
Es sind zwei grundlegende Probleme, die ein Bachelor-Studiengang mit sich bringt:
- nicht genügend Flexibilität bei der Wahl von Seminaren und Vorlesungen
- zu wenig Zeit (vor allem, wenn man wegen des BAföG an die Regelstudienzeit gebunden ist)
Aufbau des Bachelor-Studiengangs (in Köln)
Ein Bachelor-Studiengang ist in Module aufgeteilt. In Köln sind das in der Philosophie vier Basismodule (BM), die man in den ersten vier Semestern absolviert (absolvieren sollte) und zwei Aufbaumodule (AM), die in den Semestern vier bis sechs abzuarbeiten sind. Die Regelstudienzeit beträgt sechs Semester, also drei Jahre.
Die Module sind wie folgt strukturiert:
| Semester | Modul | Gegenstand |
| 1. – 4. | BM 1 | Grundlagen und Methoden |
| 1. – 4. | BM 2 | Praktische Philosophie |
| 1. – 4. | BM 3 | Theoretische Philosophie |
| 1. – 4. | BM 4 | Mensch, Erkenntnis und Sprache |
| 4. – 6. | AM 1 | Kultur und Gesellschaft |
| 4. – 6. | AM 2 | Disziplinen der theoretischen Philosophie |
Dabei müssen alle Module abgearbeitet werden.
Die Module selbst setzen sich dann aus Vorlesungen und Seminaren (Proseminare in den Basismodulen, Hauptseminare in den Aufbaumodulen) zusammen. Hier nehme ich das Basismodul 3 (theoretische Philosophie) als Beispiel:
| Veranstaltung | Gegenstand |
| Vorlesung (Wintersemester) | Theoretische Philosophie – Einführung |
| Proseminar (Sommersemester) | Theoretische Philosophie – Antike |
| Proseminar (Wintersemester) | Theoretische Philosophie – Mittelalter |
| Proseminar (Sommersemester) | Theoretische Philosophie – Neuzeit/Gegenwart |
| Tutorium (WS/SS) | Veranstaltungsbegleitende Einführung |
Wie ist diese Tabelle nun zu lesen? Das Basismodul 3 beinhaltet also eine einführende Vorlesung, drei Proseminare und ein Tutorium, das zu einem Proseminar eigener Wahl gewählt werden muss. Diese fünf Veranstaltungen muss man belegen, um das Modul abschließen zu können. Dabei ist zu beachten, dass man bestimmte Veranstaltungen entweder nur im Sommer- oder nur im Wintersemester belegen kann.
Mangelnde Flexibilität
Stellen wir uns nun vor, es ist Sommersemester und wir wollen das Proseminar Antike belegen. Also sehen wir ins Vorlesungsverzeichnis und wenn wir Glück haben, finden wir dort drei bis vier Proseminare zu verschiedenen Themen aus der Antike (zum Beispiel theoretische Philosophie bei Platon, Aristoteles, etc.) aus denen wir eines wählen können, das uns am meisten interessiert. Haben wir Pech, gibt es nur ein oder zwei, aus denen wir wählen können.
Doch selbst wenn wir die Wahl aus mehreren Themen haben, ist es meist so, dass uns die Wahl auf ein oder zwei Themen verringert wird, da wir ja auch noch darauf achten müssen, ob die Veranstaltung auch in unseren Stundenplan passt.
Hier sehen wir also, dass es äußerst schwer ist, tatsächlich Themen zu finden, die einem selbst als interessant erscheinen. Die Kombination aus der festen Modulstruktur, den oft geringen Auswahlmöglichkeiten und des dank der kurzen Studienzeit schon vollen Stundenplans schmälert unsere Flexibilität in der Wahl unserer Studienthemen also immens. Eine auch nur graduelle Spezialisierung auf ein Lieblingsgebiet ist somit nicht mehr wirklich möglich. Das Resultat sind dann beinahe schon identische Studenpläne der Studenten, und diese Stundenpläne werden den individuellen Vorstellungen und persönlichen Präferenzen nicht gerecht.
Gerade in der Philosophie wäre es jedoch von Vorteil, aus einem breiteren und nicht so fest strukturierten Themenbereich wählen zu können. Dies würde jedoch eine längere Studienzeit bedeuten und einer weniger festgelegten Struktur bedürfen. Was aber den gegenwärtigen (abstrusen) Vorstellungen eines zielgerichteten (zu Tode strukturierten) und zügigen (gehetzten und ungenauen) Studierens nicht entsprechen würde.
Zu wenig Zeit
Ein Argument, das ich immer wieder höre:
Es spricht nichts dagegen, weitere Vorlesungen und Seminare zu belegen, die den individuellen Interessen entsprechen und dann eben nicht angerechnet werden. Man besucht diese also freiwillig, um sich weiter zu bilden. Für das Erreichen der Studienziele kann dies natürlich nicht angerechnet werden.
Und ja, natürlich kann man weitere Veranstaltungen freiwillig besuchen. Und ich würde das auch sehr gerne. Was dazu jedoch fehlt, ist ganz einfach die Zeit.
In den ersten vier Semestern müssen allein in der Philosophie vier Basismodule abgearbeitet werden. Es kommt dann noch das zweite Fach hinzu – bei mir ist das Germanistik. Dort haben wir noch einmal vier Basismodule, die in dieser Zeit abgearbeitet werden müssen. Dazu kommen noch ein paar Veranstaltungen für das Studium Integrale (hier können – zur Gewährleistung eines interdisziplinären Ansatzes – Veranstaltungen anderer Studiengänge oder Sprachkurse gewählt werden).
Das sind dann pro Fach vier bis fünf Veranstaltungen pro Semester, also sagen wir neun Veranstaltungen für beide Fächer zusammen. Das entspricht 18 Semesterwochenstunden als Minimalaufwand, mit dem man dann gerade so – wenn überhaupt – in der Regelstudienzeit durchkommt. Realistisch sind aber wohl über 20 Semesterwochenstunden. Dazu kommt dann noch die Vorbereitung für die Proseminare zu Hause, die Referate, die man vorbereiten muss und natürlich das Lernen für die Klausuren.
Schon in dieser Minimalkonfiguration hat man jedoch schon so viel zu tun und vor allem auch zu lesen, dass es vielen schon nicht mehr möglich ist, weitere Veranstaltungen freiwillig zu besuchen. Vor allem wenn man, so wie ich, neben dem Studium noch auf einen Nebenjob angewiesen ist.
Eine Freundin, die mit mir Philosophie und daneben noch ein anderes Fach studiert, hat jedoch weit mehr Semesterwochenstunden, weil ihr zweites Fach einfach mehr Zeit beansprucht und sie dort mehr Pflichtveranstaltungen hat als in Philosophie. Zeit für einen Nebenjob hätte sie demnach nicht mehr. Wo sollen dann noch die freiwilligen Veranstaltungen hin – die auch nicht nur besucht und wieder vergessen werden wollen, sollen sie auch wirklich etwas bringen.
Bachelor Philosophie
Meiner Meinung nach ist es gerade in der Philosophie sehr wichtig, sich zumindest graduell von den eigenen Interessen leiten zu lassen, um die Motivation zu erhalten und um schlussendlich natürlich das Studium auch mit guten Noten abschließen zu können. Das breite Themenspektrum in der Philosophie und ihren einzelnen Fachbereichen lässt sich nicht so einfach in einen festen Bachelor-Rahmen pressen und schon gar nicht in die anberaumte Studienzeit von nur drei Jahren. Eine solche Beschränkung geht ganz klar auf die Kosten der Themenbreite und natürlich auch auf die der Thementiefe. Als Resultat bleibt dann nur das, was keiner braucht: ein abgeschlossenes Philosophiestudium mit einer Bildung in diesem Bereich, die oberflächlich zu nennen schon fast geschmeichelt ist.
Und das wissen natürlich nicht nur die Studenten – auch den Dozenten bleibt das nicht verborgen. Hier in Köln wird deshalb – im Rahmen der regulierten Möglichkeiten – versucht, gerade in der Philosophie dort Ausnahmen und Verbesserungen zu machen, wo dies möglich ist. Dass die Möglichkeiten hier sehr begrenzt sind und sich häufig nur auf den Verzicht einer Anwesenheitsliste belaufen, sollte klar sein. Trotzdem ist der Einsatz der Dozenten ihnen natürlich hoch anzurechnen. Das Studienklima wird so zumindest etwas wärmer, macht aber den Bachelor-Studiengang auch nicht wirklich besser.
Beispiel Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie
Im Basismodul 4 (Mensch, Erkenntnis und Sprache) gibt es zwei Veranstaltungen, die Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie zum Thema haben. Und zwar in Form einer Vorlesung und eines Proseminars. Bei beiden kann jeweils gewählt werden, ob man nun Sprachphilosophie oder Erkenntnistheorie belegen möchte. Interessiert man sich also für beide Themen, bleibt einem nur der Kompromiss, für ein Thema die einführende Vorlesung und für das andere das Proseminar zu wählen. Besser wäre natürlich, für ein Thema jeweils beide Veranstaltungen zu belegen, da diese locker aufeinander aufbauen. Und dabei ist anzumerken, dass die Erkenntnistheorie und auch die Sprachphilosophie Themen sind, die ein breites Spektrum an verschiedenen Richtungen und Positionen in sich vereinen. Wie soll man diesen sehr wichtigen Themen (die Erkenntnistheorie ist eines der Hauptgebiete der Philosophie) in dieser beschränkten Zeit gerecht werden?
Man muss sich auch immer vor Augen halten, wie kurz doch ein Semester ist und wie wenig in eineinhalb Zeitstunden pro Woche vermittelt werden kann. Erkenntnistheorie schlechterdings in nur einem Semester und nur einer Veranstaltungen (in den ersten vier Semestern)? Gelinde gesagt ist das ein Witz.
Fazit
Was will ich nun mit diesem Artikel sagen? Ich will niemand dazu bringen, Philsophie nicht studieren, solange es noch den Bachelor in seiner jetzigen Form gibt. Ich will auch niemandem sein Studium schlecht machen oder dem angehenden Studenten zu sehr abschrecken. Ich will nur einmal seblst auf die Mißstände aufmerksam machen, die mir so sehr auf die Nerven gehen. Ich will ein wenig zum Nachdenken anregen und vielleicht auch mal ein wenig mit dem Vorurteil aufräumen, Studenten seien faul und hätten eine tolle Party während ihrer Studienzeit. Sicher, das war vielleicht früher mal so und bestimmt gibt es auch heute noch genügend Studenten, die von ihren Eltern genügend Geld erhalten, um sich eine tolle Zeit mit einem längeren Studium zu machen. Doch die Studenten, die ich kenne, sind – zumindest während des Semesters – alles andere als entspannte Müßiggänger, die von einer Party zur nächsten hüpfen. Studium ist Stress, wenn man es ernst nimmt (was man sollte, wenn man sich schon dazu entschieden hat), seit es den Bachelor gibt. Die meisten Studiumsabbrecher brechen wegen der Belastung und der Anforderungen ab.
Um meine Enttäuschung ein wenig besser zu verstehen, ist es vielleicht wichtig, einen kurzen Blick auf meinen Werdegang zu werfen. Ich habe damals Mittlere Reife gemacht, danach kam eine Ausbildung (Bauzeichner), dann der Zivildienst und dann noch eine Ausbildung (Technischer Assistent für Informatik). Danach arbeitete ich mehrere Jahre als Webdesigner und Programmierer. In dieser ganzen Zeit habe ich mich schon immer für Philosophie und Literatur interessiert und mein Traum war immer, das irgendwann auch mal zu studieren. Die Hürde war natürlich das Abitur. Irgendwann habe ich mich dann dazu entschlossen, das alles durch zu ziehen und das Abitur nach zu machen. Am KölnKolleg habe ich das dann getan. Drei Jahre lang bin ich wieder zur Schule gegangen, habe Philosphie und Deutsch als LK gehabt und das ganze über BAföG und einen Nebenjob finanziert. Und dann, als ich endlich studieren konnte, wird der Magisterstudiengang abgeschafft. Pech. Aber dennoch war ich noch motiviert. Schließlich ist es ziemlich spannend, wenn sich ein so lang gehegter Wunsch endlich erfüllt.
Und nein, meine Motivation ist nicht weg. Sie ist nur ein ziemlich geschmälert wegen all der Bachelor-Mißstände. Aber die Begeisterung für meine Fächer bleibt. Und natürlich muss die Studienzeit keine möglichst angenehme Zeit sein. Es sollte jedoch irgendwie möglich sein, ohne belastenden(!) Stress und mit genug Möglichkeiten das zu studieren, was man aus Interesse studieren möchte. Und da ist einem der Bachelor definitiv im Weg.
Hoffen wir also, dass man zur Vernunft kommt und das System grundlegend überdenkt und dabei nicht nur auf eine kurze Ausbildungszeit achtet, die dann natürlich auf Kosten der Qualität des Abschlusses geht. Und das nicht nur, was die Abschlussnote, sondern auch was die Qualifikation und das Wissen betrifft.
Wenn es jemandem ähnlich geht, Kritik zu äußern hat oder sich sonst irgendwie zu diesem Thema äußern möchte – hier ist Platz dafür. Ab in die Kommentare damit.




recht hast du. und du hast es zwar erwähnt, aber eine eigene schwerpunktlegung wäre natürlich auch in den meisten anderen fächern, besonders in den geisteswissenschaftlichen wünschenswert bzw. sollte eigentlich als unverzichtbar gelten. in der philosophie wie auch in den philologien, in der linguistik, in der ethnologie, geschichte, politik etc.
in einigen fächern wird übrigens noch nicht einmal eine auswahl von zwei seminaren zum glichen oberthema angeboten, wäre noch anzumerken!