Verspäteter Donnerstags-Text #9

Da ich leider einem Datumsfehler erlegen bin, erscheint der Donnerstags-Text dieser Woche leider erst heute.

Diesmal handelt es sich um das zweite Stück aus Kolonie der Albatrosse.

Kolonie der Albatrosse – II

Du siehst heute gut aus, geh durch die Straßen, schlängle dich durch die Menschenmengen, blicke ihnen in die Augen, lass deinen Blick schweifen, gehe immer voran voran, bahne deinen Weg durch den Trubel bis hin zu den Flügeltüren, die sich so leicht aufdrücken lassen. Spüre den zu warmen Luftzug, der dir entgegen schlägt, weiter zur nächsten Türe, so etwas wie eine Luftschleuse hast du nun passiert. Mustere die Herren rechts und links der Türen, in ihren Anzügen, die den strengen Gesichtsausdruck zu Hause vor ihren Spiegeln geübt haben müssen, die so etwas üben können, weil sie wissen, wie ihre Gesichtsmuskeln funktionieren, welche Sehne sie spannen müssen, um diesen leicht grimmigen Ausdruck um die Augen herum zu erzeugen, um die Mundwinkel streng und etwas abschätzig nach unten zu ziehen. Gehe vorbei und lass dir nichts anmerken. Weiter auf dem blank polierten Marmorboden, lass dir Gerüche entgegen wehen, eine Wolke aus Parfumgemisch. Sechs Stockwerke als Auslage einer Irrelevanz, verbunden durch mehrere Rolltreppen, deren Seiten verspiegelt sind. Hinauf gleitende betrachten sich auf die unterschiedlichsten Arten: ein verschämter kurzer Blick, ein schüchternes Schielen, ein unbekümmertes Richten der Frisur, ein ungeniertes langes Mustern, ein Grimassen schneidendes Kind. Du siehst heute gut aus und du hast deinen eigenen Spiegel. Du trägst deinen Spiegel innen und er sagt dir immer die Wahrheit. Dein Spiegel, den du innen trägst, berücksichtigt auch deine Gedanken und beschränkt sich nicht auf Linien und Flächen, Farben und Kontraste. Ich trage einen Spiegel in mir und dieser Spiegel berücksichtigt alles. Alles. Ich trage einen Spiegel in mir und ich weiß nicht, ob er mir die Wahrheit sagt. Du sagst, ich trage einen Spiegel in mir und du hast recht. Die Wahrheit sagt, die Linie biege sich in einem bestimmten Winkel mit verschiedenen Krümmungen um Referenzpunkte, die ein innerer Imperativ mir diktiere. Dieser Imperativ ist nichts als der Ausdruck einer formbesessenen Neurose, die stets neue Wege findet, meinem Gedankenkleid eine Figur und ein Gesicht zu verleihen. Schleichende Metamorphosen fast schon flüssigen Gewebes um einen harten Kern, der zu wenig ist, um ihn Realität zu nennen. Mit diesem Selbstverschleierungssystem – ein System, wir erinnern uns! – nähere ich mich der Innenseite einer nach unten führenden Rolltreppe, die neben der nach oben führenden liegt. Ich ertrage den Anblick dieses Wesens, das mich so ungeniert ansieht, kaum, ich verstehe diese Linien nicht. Gib dich zu erkennen, denke ich mir, der Sinnlosigkeit dieses Vorhabens mir wohl bewusst, und lasse diesen Wunsch ungehört und im Übrigen auch unausgesprochen verhallen, weil ich die Antwort sowieso schon kenne. An Tagen wie diesen befinde ich mich auf hoher See, ohne Ankerpunkt, ohne Referenz. Auf der Suche nach einer Art von Deckungsgleichheit – und das ist schwer, denn die Zeit drängt, die Treppe bewegt sich unaufhaltsam nach oben – erkenne ich doch zumindest meine Augen. Also doch eine Referenz, die immer funktioniert. Letzten Endes ist es vielleicht noch nicht einmal wichtig, wer von beiden ich bin, weil ich beide bin, ohne dass sich außer dem optischen ein anderer Widerspruch ergibt.

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